Themenimpuls Wertschätzung Leben

Öffentlicher Vortrag auf der Frühjahrstagung 2018 des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft

“Wir sind angetreten mit der Vision, eine neue Landwirtschaft zu leben, die Boden, Pflanze, Tier, Mensch und Umwelt wertschätzt. Und nicht AUSBEUTET.

Solawi ermöglicht es, unabhängiger vom Preisdruck des Marktes zu wirtschaften und dadurch sozial und ökologisch nachhaltiger zu handeln. Denn die Kosten dafür werden finanziert. Die Kosten, das sind vor allem die Arbeitskosten. Denn Arbeit ist teuer in Deutschland. Deshalb wird Arbeit so weit wie möglich wegrationalisiert, auch in der Landwirtschaft. Weil der Markt drückt. Essen muss billig sein. Und Arbeit ist teuer.

Aber heißt das auch, dass Arbeit wertgeschätzt wird, gesellschaftlich und finanziell?

Manche mehr, manche weniger. Welche Arbeit ist es, die in der Solawi finanziert werden soll? Die Erschließung neuer Märkte? Die Rationalisierung von Großkonzernen? NEIN! Hier geht es um den grundlegendsten Aspekt des Menschen: Nahrung. Ohne Nahrung können wir gleich einpacken. Alle Parlamente, Fabriken und Banken dieser Welt können dicht machen ohne Nahrung. Jeder von uns muss essen! Damit sitzen wir alle im selben Boot. Für gesunde und ausreichende Nahrung brauchen wir fruchtbare Böden. Sie sind buchstäblich unsere Grundlage, das wertvollste, das wir haben!

Aber die meisten Menschen auf dieser Welt sind keine Bauern mehr. In Deutschland sind es nur noch weniger als 1 Prozent. Damit sind die Bäuerinnen und Bauern, die Gärtnerinnen und Gärtner dieser Welt die Hüter des wertvollsten Gemeinguts: Unserer Böden. Sie sichern unsere Ernährung! Und sind zuständig für die Pflege und den Erhalt der Kulturlandschaft. Sie leisten die wesentlichste Arbeit überhaupt, sie beackern die Basis unserer Kultur! Die wenigsten wissen um den Wert dieser Arbeit und noch weniger wissen ihn zu schätzen.
Wir sind in der Solawi angetreten mit der Vision, insbesondere der Arbeit der Bäuerinnen und Bauern den Wert zu geben, den sie verdient! Das bedeutet ganz konkret: Diese Menschen – aber auch die Höfe als Ganzes – brauchen ausreichend Geld, Zeit und echte Unterstützung durch die Gemeinschaft. Auch, oder gerade weil sie ihre Arbeit lieben.

Wie sieht es damit aus in Deiner Solawi? Wieviel Wertschätzung erfährst Du für Deine Arbeit als Bäuerin oder Bauer? Wieviel Wertschätzung gibst Du als Mitglied Deiner Bäuerin oder Deinem Bauer?

Ich habe in meiner Masterarbeit Bäuerinnen und Gärtner befragt zu dem Thema. Wesentliche Ergebnisse sind: Die ErzeugerInnen verdienen weniger Geld als sie sich wünschen und arbeiten mehr als sie es sich wünschen. Sie haben Hemmschwellen, ihren wahren finanziellen Bedarf ins Budget zu schreiben. U.a. steht dem mangelnder Selbstwert, mangelnde Selbstwertschätzung entgegen. Die Arbeitskosten werden nach unten korrigiert, bis die Beiträge “zumutbar” sind für die VerbraucherInnen. Target Costing heißt das auf schlau. Doch weniger Geld für Arbeitskraft heißt nicht, dass die BäuerInnen weniger arbeiten. Sie bezahlen mit ihrer Zeit. Wenn man es genau nimmt, werden diese Kosten externalisiert.

Vielleicht ist das nichts Neues für Dich. Aber für mich ist es nicht das, womit wir angetreten sind! Ich möchte Dich als Bäuerin oder Bauer fragen: Welchen Wert gibst Du selber Deiner Arbeit? Was genau ist Deine Arbeit eigentlich? Bist Du Dir bewusst, dass Du den wichtigsten Job der Welt tust? Wenn ja: Wie kommt es, dass Menschen, deren Arbeit den höchsten Wert hat, sich so klein machen? Dass sie sich selbst ausbeuten? Dass sie sich selber so wenig dafür wertschätzen?

Wieviel Empathie verspürst Du als VerbraucherIn, wie tief geht Dein Verständnis für die Lebensrealität der BäuerInnen? Wie sehr bist Du Dir bewusst, dass Du von ihrer Arbeit abhängst? Was ist Dir das wert? Und wie können wir gemeinsam echte Wertschätzung in der Solawi leben?

Auch ein Ergebnis aus der Befragung ist: Dafür braucht es beide Seiten, BäuerInnen und VerbraucherInnen. Und Vertrauen und ausdauernde Kommunikation. Meine Einschätzung dazu ist: Bei beiden braucht es Wertewandel. Beide müssen sich bewusst werden, dass das wertvollste Gut der Menschheit lebendige, fruchtbare Böden sind. Sonst können sie es nicht wertschätzen. Und mit bewusst machen meine ich nicht den Verstand. Das Herz muss das Verstehen und es braucht ganz reale Erfahrungen dazu.

BäuerInnen brauchen ein gesundes Selbstbewusstsein, eine starke Verbindung zu Land und Hof und eine Vision. Damit können sie VerbraucherInnen berühren, tatsächlich erreichen. Dabei ist die Reihenfolge wichtig: Am Anfang steht die Vision, daraus ergeben sich Kosten und die gilt es am Ende gemeinsam zu finanzieren. Nicht umgekehrt. Diejenigen, die den Impuls geben, bestimmen was möglich ist, indem sie zuerst die Rahmenbedingungen setzen!

Nicht umgekehrt.

Letztendlich sollten die Höfe als Schnittstelle zwischen Mensch und Natur im Mittelpunkt stehen. Und sich die Menschen darum herum organisieren. Für mich geht die Intention der Solawi über Bedarfslöhne und Bieterrunden hinaus. Es geht um etwas, das größer ist, um die Erde als lebendigen Organismus und darum, dass wir ein untrennbarer Teil von ihr sind. Wenn wir das kapieren, können wir vielleicht leichter großzügig und nachsichtig sein, und einfach das tun, was notwendig ist für Regeneration und nachhaltiges Wirtschaften.

Lasst uns an diesem Wochenende gemeinsam auf dieses Thema schauen! Lasst uns aufrichtig mitteilen, wie es ist, ob angenehm oder unangenehm. Lasst uns Visionen formulieren und kreative, praktische Wege finden, wie wir Wertschätzung leben können in der Solidarischen Landwirtschaft!

Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe. Wie könnten wir das nicht wertschätzen?”

Gabriel Erben